Von der ersten Erwähnung bis in die Neuzeit:
Erstes Zeugnis: Ein Grabstein von 1715 auf dem Friedhof Altengronau
Die erste Erwähnung des Dorfes Heubach findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1356. Der Nachweis, dass dort auch Juden leben, ist erheblich jünger: Er findet sich nicht in einer Urkunde, sondern auf einem Grabstein aus dem Jahr 1715. Auf dem Sammelfriedhof im Sinntaler Ortsteil Altengronau nennt der Grabstein Nr. 133 einen „Jehuda, Sohn des Joseph HaKohen aus Heubach, gest. am 05.09.1715“.
So lange Juden in Heubach lebten, mussten sie ihre Angehörigen auf diesem mehr als 20 Kilometer entfernten Friedhof bestatten. Altengronau, Jüdischer Friedhof Aus dem 18. Jahrhundert sind dort lediglich neun Grabsteine von Menschen aus Heubach zu finden – ein Indiz dafür, dass die Ansiedlung der Juden begrenzt war.
Neben den Namen zeigen die Grabmale der Heubacher dort, dass im Dorf auch eine priesterliche und eine levitische Familie lebten: Die Steine weisen die entsprechenden Symbole (segnende Hände für die Kohanim/Priester und eine Kanne für die Leviten) auf. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchen erstmals Familiennamen auf den Steinen auf. Die levitische Familie heißt Goldschmidt, die der Kohanim Katz. Eine dritte Familie trägt den Namen Adler. Die Synagogenbücher, zu finden im Staatsarchiv Marburg, belegen, dass sich Heubachs Judengemeinde aus diesen drei Familien entwickelt hat.
Quellen: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Friedhof_Altengronau
Alemannia Judaica https://www.alemannia-judaica.de/heubach_synagoge.htm
Rau, Johanna: Geschichte der jüdischen Gemeinde in Heubach, erschienen in „Juden in Deutschland und 1000 Jahre Judentum in Fulda“, hrsg. von Michael Imhof
(Neu)bau der Synagoge – Selbstbewusster durch mehr Rechtssicherheit
Politisch brachten die Jahre ab 1800 gerade für die Juden eine Umwälzung: Unter der kurzen napoleonischen Herrschaft – Heubach kam mit dem Fürstentum Hanau zum „Königreich Westfalen“ – wurden die Juden erstmals mit Rechten und Pflichten den „deutschen“ Bürgern gleichgestellt. Auch wenn die folgenden Jahrzehnte bei der „Judenemanzipation“ immer wieder Rückschläge brachten, stärkte dieser Schritt auf jüdischer Seite das Selbstbewusstsein. Das ist der Hintergrund, vor dem auch der Neubau einer Synagoge in Heubach zu sehen und zu verstehen ist.
Eine wirkliche Synagoge gab es bis dahin in Heubach nicht: Die Gemeinde nutzte ein „Betzimmerchen“ im Haus Nr. 17 – heute Friedensstraße 14. In einem Bericht aus dem Schriftwechsel um die Genehmigung des Synagogen-Neubaus aus dem Jahr 1839 stammt diese eindrückliche Beschreibung: „Um nur eine Beschaffenheit dieser Synagoge namhaft zu machen, erlaube ich mir zu bemerken, daß unter derselben sich ein Viehstall befindet, aus welchem die Stimme der darin befindlichen Kuh so stark herauftönt, daß der Vorsänger sehr häufig unterbrochen und überstimmt werden muß. …“
Das Bauvorhaben der Gemeinde zeugt durchaus von Selbstbewusstsein: Sie erwarb das im Ortskern gelegene Grundstück der einstigen Zehntscheune und ließ dort – ausgeführt von christlichen Handwerkern – 1843 ein stattliches Fachwerkhaus errichten. Angesichts der vielfältigen Nutzung würde man heute wohl von einem „Gemeindezentrum“ sprechen. Denn das Gebäude mit dem markanten Doppel-Eingang beherbergte in der rechten Hälfte den die doppelte Geschosshöhe einnehmenden Synagogenraum. Über den linken Eingang gelangte man zur Frauenempore. Aber er führte auch zur Wohnung des Lehrers, zum Schulraum und zum Ritualbad, der Mikwe.
Die Mikwe, das rituelle Tauchbad, dient dazu, die rituelle Reinheit des Menschen wieder herzustellen. Frauen besuchen das Bad jeweils nach der Menstruation und der Geburt eines Kindes, aber auch Männer sind dazu angehalten – beispielsweise, wenn sie jemanden bestattet haben.
Das Wasser der Heubacher Mikwe stammt weder aus dem Grundwasser noch von einer Quelle, sondern wurde aus der Dachrinne in einer im Haus gemauerten Zisterne gesammelt. Man war in Heubach modern: Von Anfang an gab es eine Vorrichtung, das Mikwe-Wasser zu erwärmen. Das Bad war in die Lehrerwohnung zwischen „Stube“ und Küche eingebaut – ein klares Zeichen dafür, dass die Lehrerfamilie den Betrieb begleitet und überwacht hat.
Die Schule diente anfangs als umfassende Grund- und Religionsschule für die jüdischen Jungen und Mädchen. Später – der Zeitpunkt ist unklar – blieb die religiöse Unterweisung allein übrig, da die Kinder des Dorfes gemeinsam die Volksschule besuchten. Die Lehrer waren meist auch die Vorbeter in der Synagoge.
Von 1843 bis 1937 diente das Haus als Synagoge
Die Gemeinde wuchs – 1861 lebten 97 Jüdinnen und Juden in Heubach – das waren 13,0 Prozent der Gesamtbevölkerung. 1905 waren es 70 Juden (10,1 Prozent). Gerade die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Jahre des „normalen“ Miteinanders. Das zeigt sich im Mitwirken der jüdischen Heubacher beispielsweise im „Kriegerverein“, aber auch in der Präsenz junger jüdischer Männer in der Fußballmannschaft des TSV Heubach.
Durch Aus-, aber auch durch Abwanderung nach Fulda, ins Rhein-Main-Gebiet und andere Städte schrumpfte die Gemeinde. Besonders nach dem 1. Weltkrieg machte sich der, wie man heute sagen würde, demographische Wandel deutlich bemerkbar: 1924 gab es in Heubach noch 40 jüdische Menschen (5,0 Prozent), 1933 waren es noch 31 (4,8 Prozent).
Die Emigration – vor allem in die Vereinigten Staaten – war vor allem im 19. Jahrhundert für viele Menschen aus den Dörfern Hessens ein Versuch, der Not in der Heimat zu entkommen. Das traf in Heubach und andernorts für Christen wie für die Juden zu. In Heubachs jüdischer Bevölkerung ist Bernhard Adler ein Beispiel für Auswanderer-Glück: Er verließ 1880 als 14-Jähriger Heubach. In Kansas City erlernte er bei einem Onkel das Putzmacher-Handwerk und machte sich später in der Stadt am Missouri selbstständig, gründet einen eigenen Hut-Salon – mit großem Erfolg. Um die Jahrhundertwende findet sich Bernhard Adlers Name alle Jahre wieder auf Passagierlisten von Schiffen nach Europa: In Paris holte er sich auf den Messen Anregungen für die neuesten Hutmode-Trends. Seine Urenkeltochter, Randee Krakauer-Kelly, kam 2008 zu einem Besuch nach Heubach. Auf ihre Initiative hin wurde Johanna Rau mit dem Obermayer Award ausgezeichnet.
Quelle/Statistiken: Arnsberg, Paul: „Die jüdischen Gemeinden in Hessen“
Verkauf des Gebäudes – Nutzung als Rathaus und Wohnung
Doch durch die Abwanderung und die Überalterung war Ende der 1920er Jahre bei den Heubacher Juden der Entschluss zur Auflösung der Gemeinde gereift. Den Schlusspunkt setzte der Verkauf des Synagogengebäudes an die damals noch eigenständige politische Gemeinde Heubach. Vorsteher Simon Goldschmidt unterzeichnete den Vertrag; der Kaufpreis betrug 2500 Reichsmark. Goldschmidt wird zugesichert, das Gebäude „würdig“ zu verwenden. Indem es zum Bürgermeisteramt, zum „Rathaus“ wird, bleibt zumindest dem Gebäude die Zerstörung erspart – und es bleibt ein öffentliches Gebäude.
Die Sakralgegenstände sollen in die Schlüchterner Synagoge gebracht worden sein – und wurden dort wohl in der Pogromnacht von 1938 zerstört. Simon Goldschmidt, der zu dieser Zeit bereits in Fulda wohnt, wird nach der „Kristallnacht“ ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Während seine Tochter und sein Schwiegersohn nach Palästina auswandern konnten, werden Simon und seine Frau Selma „in den Osten abgeschoben“: Sie sterben in Zamosc.
Insgesamt wurden 41 Jüdinnen und Juden aus Heubach in der Verfolgung durch die Nationalsozialisten umgebracht. An sie erinnert der Förderverein in seinem Gedenkbuch. Hier findet sich eine Übersicht der Namen. Die Liste der Einwohner Heubachs, die in der Schoah umgebracht wurden.
Seit 1939 dient die einstige Synagoge als Rathaus. Das Gebäude wird umgebaut: Die hohen Fenster des Betsaals werden zugemauert, man zieht, damit Wohnungen eingebaut werden können, auf Höhe der Frauenempore eine Zwischendecke ein. Zwischenzeitlich von Reichsarbeitsdienst genutzt, ziehen dort nach 1945 Heimatvertriebene und Flüchtlinge ein.
Vom Verfall – zu neuem Glanz
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt es Rathaus bis das Gebäude nach der Gebietsreform, als Kalbach der Großgemeinde Kalbach angegliedert wird, 1972 diese Nutzung verliert. Bis 1977 befindet sich noch das Büro des Ortsvorstehers in dem Gebäude.
Doch das denkmalgeschützte Haus kommt mit den Jahren herunter; seit Mitte der 1980er Jahre wird es nur noch ab und zu bewohnt. Im Zuge eines Straßenbauprojekts verkauft die Gemeinde Kalbach es – offenbar durch ein Versehen – an das Land Hessen. In den 1990ern stabilisierten Fachleute des Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda-Johannesberg die Dachkonstruktion. Das Land veräußert das Denkmal 1998 für den symbolischen Preis von einer D-Mark an einen Privatmann, der aber kein Nutzungskonzept umzusetzen vermag.
Die Wende kam mit dem Jahr 2003, als sich die damals im Kirchspiel Oberkalbach-Heubach-Uttrichshausen tätige Pfarrerin Johanna Rau in das heruntergekommene Haus mit seiner besonderen Geschichte „verliebte“. Es gelang ihr – unter anderem mit Unterstützung von Prof. Dr. Gerd Weiß, dem Chef des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege – Bürgermeister Karl-Heinz Kaib und die notwendige Mehrheit der Kalbacher Gemeindevertretung für eine umfassende Sanierung des Objekts zu gewinnen. Als die Finanzierung des Projekts gesichert war, kaufte die Gemeinde Kalbach das Haus zurück. Letzter Mieter war ein Motorradclub aus dem Raum Fulda gewesen. Beim Ausräumen vor der Restaurierung stoßen die Helfer aus dem Förderverein auf diverse Reste der Biker-Nutzung.
Weil keinerlei Einrichtungsgegenstände aus der einstigen Synagoge erhalten sind und es auch kein einziges Foto von ihnen gibt, wurden die Befunde der Restauratoren umso wichtiger. So konnte unter anderem der Standort des Vorbeterpults (Bima), der Umriss des Tora-Schreins und die früheren Wand-Gestaltungen wiederentdeckt und zum Teil wiederhergestellt werden. Auch die zugeschüttete Mikwe kann heute im Zustand der Wiederentdeckung besichtigt werden.
In das rund 780.000 Euro kostende Vorhaben flossen Gelder des Hessisches Wissenschaftsministeriums, der EU, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Sparkassenstiftung, des Landkreises Fulda, der Gemeinde Kalbach und zahlloser Spender. Auch der von Pfarrerin Rau am 9. November 2003 gegründete „Förderverein Landsynagoge Heubach“ beteiligte sich mit Arbeitseinsätzen und 65.000 Euro. Die gleiche Summe steuert die Gemeinde Kalbach bei. Das Eichenzeller Architektenbüro Krieg + Warth koordinierte die Arbeiten. Der Förderverein übernimmt seitdem die Aufgabe, das „Denkmal“ als kulturelle Begegnungsstätte mit Leben zu füllen.
Seitdem ist viel passiert
Hier ein paar Eindrücke von Veranstaltungen der letzten Jahre …







































